Onkologie: Die Bedarfe der Patient:innen
Die „onkologische Präzisionsmedizin“ wird künftig systematisch um eine ganzheitliche Sicht auf die Patienten ergänzt werden. Das ist mein nachhaltigster Eindruck, den ich beim Besuch des 37.Deutschen Krebskongress Mitte Februar in Berlin mitgenommen habe.
Zum Beispiel: Engagierte Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen haben sich in einer Session dafür stark gemacht, ein „standardisiertes onkologisches Basisscreening“ in den Kliniken zu etablieren. Mithilfe von unterschiedlichen Fragenkatalogen werden so die psychoonkologischen Bedarfe der Patienten sichtbar gemacht. Und wer diese Daten hat, kann auch passende Angebote aufbauen, dafür Finanzmittel akquirieren und den ganzheitlichen Blick auf die Patienten in den gesamten Behandlungsablauf holen. Schließlich ist es für die Betroffenen nicht nur eine körperliche Hochleistung, eine Krebserkrankung und die Behandlung zu bewältigen. Oftmals kommen mit der Diagnose und Behandlung finanzielle, soziale, emotionale Sorgen sowie existenzielle Fragen hinzu.
Ein Screening hilft, jene zu erreichen, die die Hilfen dringend benötigen und stärkt die Patienten auch im Umgang mit der Behandlung. „Insbesondere Menschen, die glauben durchhalten zu müssen und nur schwer eigene Emotionen zeigen können, fallen sonst durchs Raster. Wir bereiten damit die Patienten auf eine nachfolgende Therapie vor. Sie können sich darauf einstellen und die zum Teil sehr anstrengende Behandlung besser bewältigen“, sagt Professorin Dr. Eva-Maria Skoda, leitende Oberärztin am LVR-Universitätsklinik Duisburg-Essen. Dr. Sabrina Sulzer von der Universitätsmedizin Göttingen ergänzt: „Die Daten seien eine wichtige Basis, um eine patientenzentrierte Versorgung aufzubauen.“
Zum Beispiel: Wer in jungen Jahren eine Krebserkrankung überlebt, muss mit vielen Unsicherheiten und Ängsten gleichzeitig klar kommen: Die eigene Krankheit bewältigen, in Schule und Ausbildung bestehen, einen Berufswunsch entwickeln und verfolgen, sich von der eigenen Familie ablösen, ein soziales Netzwerk aufbauen, erste Beziehungen leben. Studien belegen, dass die Vielfalt an Herausforderungen Spuren hinterlässt: Die AYA-Survivor (Adolescent and Young Adults) mit und nach einer Krebserkrankung fühlen sich oftmals stark psychisch belastet, sind unsicher, wie sie ihre finanzielle Existenz auf Dauer sichern können, erleben Einsamkeit, Ängste und Unsicherheit. Das Universitätsklinikum Leipzig setzt darauf, dass eine Unterstützung oftmals dann besonders erfolgreich ist, wenn jene, die beraten, diese Erfahrungen ebenso gemacht und bewältigt haben. In dem Mentoren-Programm „Peer2me“ beraten Überlebende einer Krebserkrankung jene, die mit einer aktuellen Diagnose konfrontiert sind. Das Ergebnis der vorgestellten Studie belegt: Kontakte und der Austausch hatten positive Effekte auf die psychische Gesundheit, die soziale Unterstützung und die Krankheitsbewältigung der Teilnehmenden hatte.
Am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen des Uniklinikums Dresden wurde eine „AYA-Guide“ als Ansprechpartner für Krebspatienten im Alter zwischen 16 und 28 Jahren implementiert worden. Eine Sozialpädagogin ist dafür angestellt worden. Ihre zentrale Aufgabe ist es, das Stations-Cafe in der Abteilung zu betreuen und als Gesprächspartnerin vor Ort oder bei Spaziergängen bereit zu stehen. Schließlich tun sich junge Krebspatienten oft schwer, gleichaltrige Patientinnen und Patienten kennenzulernen. Je nach Alter werden sie entweder zusammen mit kleinen Kindern in der Kinderklinik behandelt oder mit älteren Menschen in der Erwachsenenklinik.
Und am LVR-Universitätsklinikum Essen und dem Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) Münster wurde im Oktober 2025 das Pilotprojekt „Inspire“ gestartet. Mithilfe einer App sollen 18- bis 39-Jährige nach einer Krebsbehandlung zu vermehrter Bewegung und Achtsamkeit motiviert. Nach einem grundlegenden Screening folgt eine dreimonatige Interventionsphase, in der unterschiedliche Module mit Videos, Audios, Grafiken freigeschaltet werden. Die inhaltliche Schwerpunkte sind die Psychoonkologie sowie die Sport- und Bewegungstherapie. Einmal pro Woche gibt es zudem ein Gruppengespräch per Video. Bis zum Sommer 2027 können sich weitere Teilnehmende unter der E-Mail für das Programm anmelden.
