Im Rückblick: Ein Schultag zu psychischen Erkrankungen

Im Rückblick auf meine journalistischen Arbeiten im Jahr 2025 erinnere ich besonders an diesen Tag im Juni: Ich bin beim Schultag „Unsere verrückten Familien“ in einer Leipziger Grundschule dabei. Die Mitarbeiter:innen des Vereins „Irrsinnig Menschlich“ klären an diesem Vormittag die Drittklässler über psychische Erkrankungen in Familien auf. Sie vermitteln anhand von Wimmelbildern, kleinen Geschichten und vielen Fragen, wie sich das Familienklima verändert, wenn beispielsweise die Mutter depressiv ist oder der Vater bei lauten Geräuschen ausflippt. Sie erklären, welche Erinnerungen, welche Traumata dahinter stehen. Und sie klären vor allem auf, dass nicht die Kinder schuld sind, wenn die Eltern toben oder sich zurückziehen oder in Tränen versinken und sich eben nicht um Sohn und Tochter kümmern können.

Diese eine Szene ist es dann, die mir im Kopf hängen bleibt: „Da streckt Maxim, der Junge aus der Ukraine, seinen Arm in die Luft. Er müsse mal etwas erzählen, sagt er und steht auf. Von damals als er noch in der Ukraine war. Auf Weg durch die Stadt. Etwa 50 Meter von ihm entfernt. Passiert es. Eine Explosion. Viele Menschen werden verletzt. Am Bauch. ,Es war gruselig’, sagt er in klarem Deutsch. Und weiter: ,Ich denke noch heute jeden Tag daran.‘“ So beschreibe ich es danach in meinen Text, der Ende September in der Ärzte Zeitung erscheint. In diesem Moment wurde, dass die Aufklärungsarbeit bei den Schülerinnen und Schüler angekommen ist.

Der Ansatz des Vereins „Irrsinnig Menschlich“ und das Engagement der Mitarbeiter:innen haben mich beeindruckt. Es ist die einzige Organisation, die bundesweit über „psychische Erkrankungen in Familien“ in Schulen aufklärt. Wer selbst betroffen ist, braucht sich in diesem Verein nicht zu verstecken, sondern ist eingeladen, an der Aufklärung mitzuarbeiten und darf gerne seine persönliche Geschichte einbringen.

Dieser Schultag war für mich einer der Highlights meiner journalistischen Arbeit. Zum einen, weil ich mich bereits intensiv mit dem Thema „Psychische Erkrankungen in Familien“ beschäftigt habe und weil es eines der zentralen Themen im Gesundheitswesen. Schließlich steigt die Zahl der Betroffenen fortlaufend. Auch lässt sich daran zeigen, dass das Gesundheitssystem mit der Versorgung und Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen überfordert ist. Es müssen sich Akteur:innen und Institutionen weit über die medizinischen und therapeutischen Einrichtungen hinaus vernetzen, damit die Betroffenen gut begleitet und stabilisiert werden können. 2025 habe ich mich auch mit einem einen parteiübergreifenden Antrag von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP befasst, den der Bundestag Ende Januar 2025 noch angenommen hat. Die Länder, Kommunen und den Sozialversicherungsträgern werden damit aufgefordert, „einen Handlungsrahmen für ein kommunales Gesamtkonzept“ zur Kooperation der unterschiedlichen Leistungssysteme zu erstellen.

Siehe Antrag Bundestag 2025_Eltern&Psyche

Wenige Tage später war die Ampelkoalition jedoch Geschichte. Seither – so scheint es – wird an diesem Vorhaben nicht weiter gearbeitet. Ich hatte im Juni 2025 nachgehakt und die Sprecherinnen der Koalitionsfraktionen, Anne König (CDU/CSU) und Jasmina Hostert (SPD) angeschrieben, wie der Prozess nun weitergeht. Eine Antwort darauf kam bislang nicht. 2026 wird es Zeit hier mal wieder nachzufragen.

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